Nach langer Zeit gibt es endlich mal wieder einen Blog. Endlich? Aus meiner Sicht schon. Es gehört leider zum Menschsein dazu, nicht perfekt zu sein. Und die Anzahl an Beiträgen, die ich auf die Welt loslassen wollte, habe ich aus diversen Gründen in der Vergangenheit nicht halten können. Ich bin halt nicht perfekt. Du etwa? Lass Dir gesagt sein, dass Perfektion gar nicht so perfekt ist, wie sie scheint.

Also dann: Ich wünsche Dir viel Spaß mit meiner persönlichen Imperfektion.

 

Ich habe einen Ordner. Und nein, das ist kein verunglücktes Zitat aus „Dirty Dancing“. Ich habe tatsächlich einen Ordner. Um ehrlich zu sein, habe ich viele Ordner. Die meisten Ordner davon befinden sich auf meinem Computer. „Ordner muss sein sein“ heißt es doch so schön. Aber wenn Ordner sein muss, muss Ordner sein. So will es das Gesetz. Ich denke, dass meinte René Descartes, als er sagte, „ich denke, also bin ich“. Wenn er recht hatte, bin ich jetzt gerade nicht.

Der ominöse Ordner

Heute geht es um einen speziellen Ordner. Es geht um den Ordner, der mit dem Namen „verunglückte Bilder“ beschriftet ist. 

Mein erstes Beispiel eines Bildes, das in diesen Ordner gehört, siehst Du oben. Ich war unterwegs, um ein paar Fotos zu machen. Ausnahmsweise hatte ich nicht das Bedürfnis ausgerechnet für diesen Ordner zu produzieren. Sonst fahre ich ja oft durch die Gegend und versuche schlechte Fotos zu machen. Nicht so an diesem Tag. Es sollten eigentlich total coole Bilder entstehen.

Das einzig „coole“ an diesem Bild ist, dass es etwa -35 Grad Celsius an diesem Tag hatte. Du siehst im Vordergrund noch leichte Reste vom Schnee, die sich in das Bild gemogelt hatten. Ich musste einen steilen Aufstieg schaffen, um dieses Bild in seiner absoluten Imperfektion erstellen zu können. Hätte ich das beim Vorbeifahren mit dem Auto gewusst, ich hätte lieber eine Melone getragen, als anzuhalten.

Aber jetzt war ich schon mal da…

… und so entschied ich mich, den qualvollen Anstieg von etwa 35 Höhenmetern in Angriff zu nehmen. Lachst Du jetzt? Hey, es ist nicht jedem Körper von Natur aus vergönnt quasi mit Leichtigkeit die Bergetappen der Tour de France mit einem Einrad auf Stelzen zu bewerkstelligen. Und jetzt halte kurz inne und stelle Dir das Einrad und den Mann auf Stelzen in atemberaubender Symbiose auf dem Weg nach Alpe d`huez bildlich vor. 

Aber gut, weiter geht’s. Als ich Stunden später aus meiner Ohnmacht aufgrund Sauerstoffnot erwachte, suchte ich mir einen Fotospot, der vielversprechend schien, und machte dieses Foto einer Mühle. 

Was habe ich mir nur dabei gedacht?

Ich weiß es wirklich nicht. Auf jeden Fall hatte ich keine Melone im Kopf. Vielleicht eher eine Birne. Oder eine Johannisbeere, als temporäres Gehirnäquivalent. Aber ich hatte einen Lauf. Es ist an diesem Tag nicht nur der Inbegriff eines einzelnen, imperfekten Fotos entstanden, sondern sogar noch das Folgende:

Ich liebe Fotos mit Gegenlicht. Sie wirken oft total verträumt und lösen leichte und beschwingende Emotionen aus. Dieses Bild sollte genau das tun. Das verträumte Schild neben dem winterlich gezeichneten Baum sollte beim Betrachter des Fotos die Sehnsucht nach Urlaub, Freiheit und Liebe wecken. Der Gegenlichteffekt mit den Blendenflecken sollten Dich entführen, in eine bunte Welt jenseits Deines grauen Alltages.

Und herausgekommen ist das. Die grausamen Blendenflecken überstrahlen das komplett missglückte Motiv noch mit spielerischer Leichtigkeit. 

Puh, harter Stoff

Dieses Bild hat aus meiner Sicht den Ordner „missglückte Bilder“ mehr als verdient. Als ich es mal auf Facebook zeigte, bekam ich überraschenderweise eher positives Feedback. Das nehme ich gerne an, war aber wahrscheinlich eher als Mitleid gemeint. Lieb von Dir! Nein nein, perfekt ist das Bild nicht. Beim Betrachten löst es wirklich Emotionen aus. Aber leider nicht die Art von Gefühlen, die ich mit der Aufnahme bewirken wollte.

Was will er uns denn jetzt sagen?

Warte, warte. Nur etwas Geduld. Vorher musst Du Dir noch das letzte Bild aus dem legendären Ordner anschauen. Auch dieses Exemplar ist am selben Tag entstanden. Allerdings an einem anderen Ort und nach einer kleinen Wanderung. Ja, ich musste schon wieder laufen. Und das alles hierfür:

Ein gefrorener Wasserfall

Ich wollte doch auch mal einen gefrorenen Wasserfall fotografieren. Also suchte ich mir das aussichtsreichste Exemplar aus, das für mich und meine Wassermelone an einem Tag bequem zu erreichen war, wanderte vom Parkplatz schlappe 153 Kilometer bei Minus 178,432 Grad Celsius zu diesem Wasserfall und stellte fest: Man kann nur von oben aus etwa 100 Tausend Kilometern Entfernung gucken.

Ein Geländer und ein vereister Abhang verhinderten, dass ich auch nur ansatzweise in der Lage war an diesen Wasserfall heranzukommen. Ein perfekter Tag! In meiner Verzweiflung fotografierte ich nun den Wasserall mit einem Teleobjektiv aus der gebotenen Distanz und fuhr anschließend heim.

Jaja, ist ja schon gut. Warum quält der mich jetzt so mit diesen Bildern?

Ganz einfach: Ich hatte einen tollen Tag!

Im Nachhinein betrachtet sind die Bilder wirklich nicht mal den Ordnernamen wert, in dem sie gespeichert sind. Das Wort „Imperfektion“ stellt sich schämend in die Ecke, wenn ich es dafür benutzen würde. Aber wen interessiert es? Dich vielleicht, weil Du Dir die Bilder anschauen musstest. Ich für meinen Teil hatte einfach einen tollen Tag!

Ich fuhr durch Gegenden, die ich noch nicht kannte. Ich sah Landschaften, die ich in dieser Form noch nie sah. Ich durfte tolle Gespräche erleben und das nicht nur über Wassermelonen. Ich sah einen zugefrorenen Wasserfall. Was für eine Sensation? Hast Du schon mal versucht im Gefrierschrank Eiswürfel einzufrieren, während Du die Form permanent bewegst? Probiere es mal aus. Vielleicht wirst Du feststellen, dass die Natur Dinge kann, von denen Du nur träumen kannst. Zumindest, wenn Du davon träumst bewegte Einswürfel herzustellen. Bevor Du jetzt in den Selbstversuch startest: Gönne Dir noch die letzten Zeilen.

Worum es also wirklich geht…

… ist nicht die Perfektion. Es ist das Erlebnis. Und Erlebnisse sind immer perfekt, egal welche Emotionen sie gerade auslösen. Natürlich gibt es auch Erfahrungen, auf die wir alle verzichten können. Aber mal im Ernst: Schau`zurück: Wärst Du derselbe Mensch, der Du bist, wenn Du die schlechten Erfahrungen nicht gemacht hättest? Und möchtest Du gerne ein anderer Mensch sein? Bestimmt nicht, denn Du bist gut so, wie Du bist. Mit allen Ecken und Kanten und mit allen Erfahrungen.

Wenn Du Dir also das nächste Mal wünschst, wie Adam Sandler in „Klick“ eine Fernbedienung zu besitzen, die Deine aktuell unschöne Situation einfach vorspult, erinnere Dich an Deine bisherigen Erfahrungen, die Dich zu dem Menschen gemacht haben, der Du bist.

Und mit etwas Distanz kannst Du einen Ordner anlegen, auf dem steht „misslungene Erfahrungen“ und sie einfach dort einsortieren. Und dann zeigst Du die Erfahrungen irgendwann der Welt und wirst wissen: Auch wenn es eine Zeit gab, in der nicht alles perfekt war. Es war immer wertvoll und für viele Sachen gut. Betrachte also stets auch die andere Seite der Medaille.

In diesem Sinne: Alles Gute…

Dein Sven

 

 

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