Eine Sache für den heutigen Artikel vorweg: Er wird ein bisschen länger sein, als dass, was Du bisher von mir kennst. Du wirst etwa 15 Minuten brauchen, ihn zu lesen und die Bilder in Ruhe zu betrachten. Aber es wird sich lohnen! Gönne Dir doch die „Ruhe vor dem Sturm“. Sind die Alternativen (Fernsehen, sich dem Alltagsstress jetzt schon ergeben, sich jetzt schon in den Stau stellen etc.) wirklich so viel besser, als entspannt einen kleinen Artikel zu lesen? 😊

Ich stelle heute die Schlussfolgerung meines nun folgendes Artikels voran: „Nicht perfekt ist perfekt“ gilt für die Fotografie ebenso wie für das Leben. Wenn Du Deine Zeit hier auf der Erde damit verbringst ständig nach Perfektion zu streben, wirst Du spätestens gegen Ende Deines Daseins feststellen, nie wirklich gelebt zu haben. Das Leben besteht aus Imperfektion und Entwicklung. Nimm es so wie es kommt und erfreue Dich daran, dass es eben nicht perfekt ist. Ich werde Dir im nun folgenden Artikel zeigen, dass Imperfektion keine Alternative besitzt. Dazu werde ich Dir die Geschichte erzählen, wie dieses Bild entstanden ist. Gönne Dir diese wenigen Minuten Urlaub von Deinem Alltag! Los geht’s…

 

Trier – es ist kalt, es ist früh

 

2016 hatte ich zwischen Weihnachten und Neujahr ein paar Tage frei und entschloss mich, eine Fotoexpedition in Richtung Eifel zu starten. Dabei ist so viel passiert, dass jeder einzelne Tag Stoff für einen Artikel lässt. Ich möchte mich hier auf diesen einen Tag, der alles andere als perfekt lief, beschränken. 

Es war der 29.12. und ich kam am Abend zuvor in Trier an, um dort zu übernachten. Ich versuchte meinen nächsten Tag zu planen und fragte den Hotelier nach schönen Aussichtspunkten, von denen aus ich am nächsten Morgen den Sonnenaufgang fotografieren könne. Mir wurde sogleich der Petrisberg genannt, eine schöne Anhöhe mitten in Trier mit einem wunderbaren Blick über die Mosel und die Weinberge am Rande der Stadt.

Ich schälte mich also wieder vollkommen unausgeschlafen aus dem Hotelbett, verzichtete auf das bezahlte Frühstück, um ja nicht diesen einen, unglaublichen Moment zu verpassen, den ich heute garantiert auf dem Petrisberg erleben werde. Der Nebel lag sanft über der Stadt, so dass ich wusste, ich fahre dort hinauf und pünktlich zu Sonnenaufgang wird sich der Schleier lüften, die blutrote Sonne wird sich ihren Weg bahnen und die Landschaft und mich mit offenem Mund im grenzenlosen Staunen zurückzulassen. Es konnte nicht anders sein: Heute wird mein Tag! 

Der leidvolle Aufstieg beginnt

 

Klar, dass ich zur Sicherheit, um den Moment nicht zu verpassen, bereits sehr früh den Petrisberg erklomm. Ich hatte meine Bergsteigerausrüstung dabei, parkte das Auto siegessicher am Fuße der Anhöhe und suchte nach einer geeigneten Stelle meinen Aufstieg zu meistern. Wie gesagt, es war dunkel und ich war noch nie dort. Ich hatte meine Sicherung in mühevoller Arbeit gerade in den steinigen Felshang geschlagen, als ich bemerkte, dass auf den kleinen Berg eine Straße führte. Also wieder eingepackt, zum Auto gewandert und die Anhöhe im warmen Gefährt erklommen. Hier war ich schon fast erfroren, denn es war kalt. Saukalt! Was ich dann vorfand, nun ja:

Es sah alles andere als nach einem perfekten Tag aus. Aber es ist logisch, es muss schließlich Nebel vorhanden sein, damit meine heutige Vorsehung sich erfüllen kann. Ich hatte noch etwa 40 Minuten bis zum Sonnenaufgang, als ich dort eintraf.

 

Hab ich schon erwähnt: Es war kalt. Saukalt!

 

Als ich das Auto verließ (ich hielt es gerade so ohne Sauerstoffgerät auf dieser schwindelerregenden Anhöhe aus) bemerkte ich wiederholt, wie kalt es an diesem Morgen war. Es müsste Temperaturen so um den absoluten Nullpunkt gehabt haben. Für alle Nichtchemiker: Da ist kalt. Saukalt! Das Eis erstarrte an den Pflanzen in kristalliner Form und setzte diesen ebenso zu, wie mir. 

Man kann auf den Bildern nur erahnen, wie kalt (saukalt!) es wirklich war. Nur so zur Anschauung: Ich hatte mir zuvor einen heißen Kaffee an einer Tankstelle gekauft. Ich stieg mit dem dampfenden Getränk aus dem Auto und bevor ich mit dem zweiten Fuß den gefrorenen Boden berührte, war mein Kaffee schon zu einem leckeren Eiskaffee gereift.

 

Ich war nicht alleine

 

Als ich mich endlich ein wenig an die Eiseskälte gewöhnt hatte und meinen Kaffeeeisbecher ausgelöffelt hatte, besinnte ich mich auf mein eigentliches Ziel: Die Fotografie. Ich hielt Ausschau nach dem optimalen Fotospot und bemerkte, ich war nicht alleine. Eine einsame Fotografin, die nun nicht mehr einsam sein sollte, hatte scheinbar den gleichen Gedanken. Ich weiß nicht, warum sie mich nicht mochte, aber die Szenerie, die sich nun abspielte fühlte sich für mich irgendwie seltsam an.

Ich ging zu ihr und sprach sie an: „Na? Auch hier?“ Ich verstand ihren irritierten Blick nicht, schließlich hatten wir beide in dieser einsamen Gegend die Torturen ja aus demselben Grund auf uns genommen. Ich bemerkte nur flüchtig, dass in diesem Moment hinter uns ein Bus hielt, um einen armen Tropf, der offensichtlich arbeiten musste, aus dem angrenzenden Wohngebiet in die Stadt zu kutschieren.

Wortlos packte die Fotografin ihre Kameraausrüstung und verschleppte sie etwa 100 Meter weiter. Ich rief ihr noch nach, ob sie auch ein Kaffeeeis möge, bei dieser Saukälte. Aber sie ignorierte mich und gefühlt beschleunigte sie sogar ihren Schritt. Erst da fiel mir auf, dass ich meine Fotoausrüstung noch im Auto hatte und sie mich gar nicht als ihresgleichen identifizieren konnte. Uuups!

 

Der Weg war frei, die Sonne kann kommen!

 

Wenigstens hatte ich jetzt meinen Fotospot für mich alleine und niemanden, der mir durch das Bild rennt. Ich lief also zurück zum Auto, holte alles was ich brauchte und baute es an entsprechender Stelle auf. Herausgekommen sind die beiden Nebelbilder. Und dann passierte das Unglaubliche! Zum ersten Mal an diesem Tag erstarrte ich nicht nur vor Kälte, sondern auch vor Erstaunen. Ich erschrak und drehte mich in einer fließenden Bewegung blitzartig um, als ich hörte: „Hier passiert heute nichts mehr, oder?“. Die zweite Fotografin kehrte zurück und sprach mich (Achtung Wortwitz!) unverfroren an.

Was dann folgte war weniger Aufregend, als diese Begegnung. Es folgte rein gar nichts. Es wurde später, die Sonne ging auf. Davon bemerkte ich mit meiner einsatzbereiten Kameraausrüstung nichts. Es blieb ebenso nebelig, wie es begann. Busse hielten und fuhren. Die Kollegin entfernte sich wieder und kam näher. Es wurde heller, durch das aufkommende Tageslicht: Ich sah dennoch nur Nebel! Ich wartete etwa noch eine halbe Stunde, bis ich den Ort endgültig verließ. Es ist nicht überliefert, was mit der Fotografin anschließend passierte. Als ich ins Auto stieg, wartete sie noch geduldig. Ich vermute, sie wird dort entweder heute noch stehen und in der Saukälte ausharren, wenn sie nicht durch einen mitleidenden Busfahrer eingesammelt und abtransportiert wurde. 

 

 

Hier ein weiteres Beispiel dafür, wie kalt es an diesem Tag war. Dieses Bild ist ein paar Stunden nach diesem einmaligen Erlebnis bei einem weiteren einmaligem Erlebnis im Hunsrück entstanden. Dort oben war eine Wetterstation platziert: Logisch! Muss der kälteste Ort der Erde sein…

Enttäuscht fuhr ich davon

 

Ich fuhr also enttäuscht mit meinem Auto in Richtung Hunsrück. Ich wusste nicht, dass sich die Prophezeiung meines unglaublichen Fototages schon bald erfüllen sollte. In dem Moment aber war ich eher traurig über die Umstände. Außerdem war ich natürlich noch weiterhin voller Sorge um meine Kollegin. Wird sie dort jemand finden, wenn sie erfriert? Wird sie vielleicht eines schönes Tages in 2.500 Jahren von der Südtiroler Bergwacht mitten in Trier geborgen und ihr gut erhaltener Körper der Wissenschaft gespendet? Ich sah förmlich die Experten um sie stehen: „Muss wohl sowas wie eine Abenteuerin gewesen sein. Seht nur dieses archaische Gerät: Aus unseren Hightech-E-Büchern können wir entnehmen, dass man damit bewegte Bilder auf einen Sensor mittels Licht brennen konnte. Dieses Bild wurde dann auf einer Speicherkarte mit lächerlichen 32 Gigabyte Datengröße gespeichert. Uns seht da: Sie hat nur Nebel fotografiert. Wahrscheinlich haben die Menschen damals den Nebel verehrt!“.

Okay, ich gebe zu, ich fantasierte. Ich wünsche jedem Menschen, so auch meiner armen Mitfotografin, nur das Beste und ein möglichst langes Leben! In diesem Moment aber neigte ich zu sarkastischen Gedankengängen. Ich fuhr nahezu von mir unbemerkt eine weitere kleine Anhöhe herauf. An einer Stelle, wo sich zwei Bundesstraßen kreuzten, war ich nun aber tatsächlich platt vor unglaublicher Faszination. Die Lichtstimmung, die ich dort vorfand, war unvergleichlich. So was in der Art hatte ich nie zu Gesicht (geschweigendenn vor die Linse) bekommen.

 

Pech und Glück liegen oft nah beieinander

 

Ich parkte mein Auto in einem kleinen Feldweg, auf den ich mittels Vollbremsung und deutlich zu starkem Rumpeln gerade noch einbiegen konnte. Ich schnappte meine Fotoausrüstung und lief in Richtung des Grüns, das ich ausmachen konnte. Die Bundesstraßen in meinem Rücken vibrierten unter dem starken Verkehr, der zu dieser Zeit dort herrschte. Ansonsten war ich alleine mit dieser tollen Stimmung. Der Nebel lag über der Landschaft und zog langsam in Richtung wärmender Sonne ab. Das Licht war diffus und weich, die Farben waren gelblich bis grün. Alles sah unisono aus, alles war eins. Ich weiß nicht mehr, ob ich eine Träne im Auge hatte. Aber vor lauter Faszination merkte ich nicht, wie mir ein Kamerafilter aus der Tasche fiel, während ich mich vorwärts zu einem einigermaßen verträglichen Fotospot bewegte. 

Die Szenerie strahlte vor Licht und vor Imperfektion zugleich. Häufig höre ich Menschen beim Betrachten des Bildes sagen, dass die Stromleitung, die die komplette Landschaft vor mir durchzog (hinter mir rauschte die Straße) störe. Glaubt mir: Ich hatte keine Zeit. Dieses einmalige Licht verlor innerhalb von Minuten seine Stärke und Faszination. Es blieb in diesem engen Tal keine Möglichkeit die Stromtrasse zu umgehen. So stellte sich mir ehrlich gesagt in dem Moment keine Frage. Was wäre die Alternative gewesen? Das Foto nicht zu machen? Nein! Diese Imperfektion war eben genau perfekt für diesen Moment. Ich entschloss mich sogar für eine Aufnahme einen Schritt weiter zu gehen und den Strommast direkt ins Bild einzubauen.

 

Was soll an diesem Moment nicht perfekt sein?

 

Hättest Du diesen Moment erlebt, Du wüsstest, dass er perfekt war. Mehr noch: Er strotzte sozusagen vor Perfektion. Und das nur deswegen, weil es eben nicht so lief, wie ich es geplant hatte. Ich wollte dieses Bild mit dem wegziehenden Nebel auf dem Petrisberg, wo die arme Fotografin wahrscheinlich immer noch im Dunst frierte. Ich bekam diese Szenerie, mit der ich längst nicht mehr gerechnet hatte. Die Umgebung war nicht optimal. Die Überlandtrasse im Bild konnte ich nicht ausblenden. Und genau deshalb und vielleicht sogar deswegen war der Moment perfekt!

Auf dem Weg zum Auto sammelte ich übrigens meinen verlorenen Filter wieder ein. Es dauerte einen Moment, bis ich ihn fand. Und dann entdeckte ich eine Sache, die mich minutenlang über mich selbst schmunzeln ließ: Ich wollte gerade die vielbefahrene Bundesstraße überqueren, als ich zu meiner rechten unmittelbar in der Nähe des Abstellortes meines KFZ einen großen Parkplatz für Wanderer entdeckte. In sturer Verfolgung meines gesetzten Zieles – die Lichtstimmung dieser Szenerie einzufangen – bemerkte ich nicht, dass ich mein Auto gar nicht straffähig hätte parken müssen.

Was mir das Bild bedeutet

 

Ich betrachte dieses Bild noch oft, denke und fühle mich in diese Situation zurück. Es erinnert mich dann daran, wenn ich allzu verbissen mein Ziel in Perfektion erreichen möchte, dass es meistens anders kommt, aber niemals schlechter. Schau in Dich hinein: Wie viel Druck machst Du Dir, weil Du die Dinge in absoluter Vollkommenheit erledigen möchtest? Kennst Du das Gefühl, dass alles perfekt sauber sein muss? Dass Dein Chef Dir seine Anerkennung aussprechen muss, weil die geforderte Aufgabe fehlerlos von Dir ausgeführt wurde? Kennst Du es, dass Dein nächstes Bild einfach keine Makel aufweisen darf? 

Perfektion ist ein Trugschluss. Wir Menschen setzen uns Ziele und versuchen diese zu erreichen. Ich halte es für wichtig Ziele und Pläne im Leben zu haben und die richtigen Dinge dafür zu tun, diese dann auch zu erreichen. Wir sollten nur dann den Weg dorthin als das eigentliche Ziel betrachten und nicht zu sehr nach Perfektion streben. Das macht unglücklich und vernebelt den Blick auf das Wesentliche und das Schöne. Wenn wir nur noch die hundertprozentige Zielerreichung vor Augen haben, merken wir vielleicht gar nicht mehr, wenn uns was tolles widerfährt (oder dass wir unser Auto auch hätten legal parken können). 

 

Mach mal langsam!

 

Halte mal im Alltag inne und schaue Dich um. So, wie Du Dir die Zeit genommen hast, meinen Artikel zu lesen. So schaue Dir Deine Umgebung mal an, wenn Du mal wieder gestresst bist. Und sei Dir sicher: Ob Du es direkt merkst oder erst hinterher: Du wirst heute auch wieder Stress empfinden. Drücke dann mal den Pausenknopf, wenn Du Dich über Deinen Chef ärgerst oder über die unverschämte Frau, die sich nicht schnell genug an Dir vorbei gemogelt hat, als gerade eine weitere Kasse im Supermarkt eröffnet. Atme mal tief durch, wenn sich ein rücksichtsloser Autofahrer wieder mal mit einem riskanten Manöver vor Dir hereindrängt und Du den drohenden Unfall nur mit einer scharfen Bremsung verhindern kannst. 

 

Es gibt nur eine Realität im Leben

 

Schau Dir den Moment voller Stress an und mache Dir klar: Er ist perfekt! Denn am Ende gibt es nur einen Moment im Leben, der wirklich existiert. Der aktuelle Moment! Den Moment, an dem Du diese Zeilen liest. Und den Moment, an dem Du Dich über den respektlosen Menschen ärgerst, der Dir gerade wieder durch das Bild rennt. Vergangenheit ist vergangen, die Zukunft ist noch nicht geschrieben. Also nimm jeden Moment so, wie er da ist und genieße ihn in seiner Imperfektion! Das erspart Dir Stress und lässt Dich länger leben.

Schön, dass Du da bist und dass es Dich gibt!

Weiterlesen:

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Empfehlungen:

Ein sehr guter Blog, der tolle und vor allem ehrliche Tipps für bessere Fotos und für Kameraausrüstungen usw. in einer gut geschriebenen Form vermittelt, findest Du bei Stephan Wiesner:

https://www.stephanwiesner.de/blog/

 

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